27. November 2010: Film “Gasland” und Diskussion mit Benjamin Scholz (deutsch)

Als Partner des One World Berlin Filmfestivals organisierten American Voices Abroad Berlin und Ava’s Transatlantic Green Salon am 27. November 2010 eine Diskussion zum Film „Gasland“ (2010, Josh Fox). Dazu luden wir den Gasmarktforscher Benjamin Scholz (Initiative für nachhaltige Entwicklung e.V.) ein, die Thematik der „unkonventionellen  Gasförderung“ zu vertiefen und kritisch zu beleuchten.

Josh Foxs buchstäblich explosiver Film “Gasland” ist Ausdruck der erbitterten Kontroverse um “fracking”, eine “unkonventionelle” Form der Erdgasgewinnung, die in den letzten Jahren die USA erobert hat. Bei dieser Technik wird eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck in gashaltige Gesteinsschichten gepumpt und so – behaupten Kritiker – das Grundwasser durch Chemikalien und freigesetztes Erdgas gefährdet.

„Als Filmemacher Josh Fox das Angebot bekommt, sein Land zwecks Bohrung zu verpachten, macht er sich auf und reist kreuz und quer durchs Land auf der Spur von Geheimnissen, Lügen und Umweltverschmutzung. In einem Nachbarort in Pennsylvania berichten Einwohner davon, ihr Leitungswasser anzünden zu können – nur eine der vielen absurden und erstaunlichen Offenbarungen eines neuen Landes namens GASLAND. Teils verité Reisebericht, teils Enthüllungsgeschichte, teils Krimi, teils Bluegrass-Banjo-Meltdown, teils Showdown.”

Der Film ist eine intelligente, schräge, schwarzhumorige Polemik, die apokalyptische Landschaftsbilder und wissenschaftlichen Darstellungen mit hochlebendigen Interviews und surrealen Musikeinlagen mischt.

Zum Einstieg in die Diskussion bat Isabel Cole als Moderatorin Benjamin Scholz zunächst nach seiner Einschätzung der beschriebenen „Fracking“-Technik. Er bestätigte, daß die Risiken – vor allem bei mangelnder Regulierung und Transparenz – hoch seien.

Ein wichtiger Punkt sei auch die Frage der Effizienz. Die Technik sei extrem aufwändig (etwa wegen des ungeheuren Wasserverbrauchs und der Energie, die in den Anlagenbetrieb investiert werden muss). Zudem falle die Förderrate schnell ab; es müsse immer wieder „nachgefrackt“ werden, um diese konstant zu halten. Beim „Fracking“ würden Kosten und Risiken externalisiert. So gäbe es Untersuchungen zur Förderung in den USA, nach denen 15-80% des verseuchten Fracking-Wassers im Boden verbleiben und das wieder an die Oberfläche geförderte giftige Wasser nicht gereinigt würde. Darüber hinaus sei der Öffentlichkeit noch keine Antwort darauf gegeben worden, wie ein späterer Rückbau der Anlagen samt nachhaltiger Versiegelung gewährleistet werden kann. Eine transparente Risikobewertung, nach der die grundsätzliche Unbedenklichkeit für Grundwasserleiter bei sehr unterschiedlichen Gasvorkommen bewiesen wird, fehle genauso wie Instrumente zur Kontrolle. So gesehen mache diese Technik keinen Sinn und sei rundweg abzulehnen.

Allerdings betonte Scholz, daß wir auf Gas noch nicht verzichten können – es müsse als Brückentechnologie hin zu regenerativen Energien eingesetzt werden. Da z. B. die Sonne nicht immer scheint oder der Wind nicht immer weht, müssen künftig oft Lücken in der Stromversorgung ausgeglichen werden. Gas biete sich hierfür an, da es schnell und flexibel einsetzbar sei und viel weniger CO2 produziere, als andere fossilen Brennstoffe. Man müsse auch immer bedenken, daß jede Technik seine Vor- und Nachteile habe. Wenn man auf unkonventionelle Gasförderung vor Ort verzichtet, müsse man konventionelles Gas importieren. Dabei müsse man bspw. andere Folgen wie den Pipelinebau, Transportaufwand und -verluste mit in Kauf nehmen.

Scholz plädierte dafür, daß man künftig vom linearen Denken hin zu Kreisläufen kommt – z. B. solle man künftig auf synthetisches Methan setzen, das unter Anwendung von regenerativen Strom und CO2 aus der Luft produziert wird und somit CO2-neutral bleibt.

Angesprochen wurden auch geopolitische Hintergründe des internationalen Gasmarktes. Der „Fracking-Boom“ in den USA entstamme dem Bedürfnis, möglichst unabhängig von Gasimporten zu sein. Somit sei aber auch – in Verbindung mit sinkender Gasnachfrage in der Wirtschaftskrise – ein globales Gasüberangebot entstanden. Flüssiggasmengen, die ursprünglich für die USA bestimmt waren, würden nun durch die Exporteure vor allem nach Europa umgelenkt. Dies habe zur Folge, dass die russische Gazprom Marktanteile in Europa verliere.

Ein weiteres wichtiges Diskussionsthema war schließlich die Frage, ob die „Fracking“-Technologie nun nach Deutschland kommt, wie u. a. in Spiegel-Berichten angedeutet wurde. Laut Scholz haben schon 2008 erste Probebohrungen mit „Fracking“ in Niedersachsen stattgefunden. Die Grünen hätten bereits zwei parlamentarische Initiativen gestartet, um eine stärkere Regulierung der Technik anzuregen. Allerdings habe die Bundesregierung darauf hingewiesen, daß hierfür die Bergbauämter der einzelnen Länder zuständig seien. Außerdem werde eine Umweltverträglichkeitsprüfung erst ab einer gewissen Fördermenge pro Bohrung verordnet – und gerade die unkonventionelle Gasförderung verteile sich auf viele Bohrungen, so dass die Gefahr bestünde, dass diese ungeprüft bleiben und die Öffentlichkeit nicht am Verfahren beteiligt wird. Ein positiver Unterschied zu den USA sei auf jeden Fall der, daß in Deutschland die unkonventionelle Gasförderung sich bis jetzt auf Schiefergas zu beschränken scheine. In den USA werde mit „Fracking“ Kohleflözgas und Schiefergas befördert; Kohleflöz liege nah an der Erdoberfläche und somit in Grundwassernähe. Bei Schiefergas handele es sich um viel tiefere Schichten, bei denen das Grundwasser weniger gefährdet sei. Scholz vermutet, dass Kohleflözgas-Förderung in Deutschland für zu riskant gehalten wird.

Dennoch forderte er das Publikum auf, sich zu informieren und aktiv zu werden, z. B. durch Anregung parlamentarischer Initiativen in den Bundestagsfraktionen oder Anfragen an  die Bundesministerien (Wirtschaft/Umwelt), an das Geoforschungszentrum Potsdam und die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR).

Wir bedanken uns beim One World Berlin Festival für die Gelegenheit, uns mit diesem spannenden Film auseinanderzusetzen, bei Benjamin Scholz – und auch beim Publikum – für die sehr interessante und lehrreiche Diskussion!

Zur weiteren Lektüre:

Interview mit “Gasland” director Josh Fox in The Nation. (Auf Englisch.)

Bericht im Westdeutschen Rundfunk über “Fracking” in Deutschland.

“Shale Gas: A Game-Changer with Implications for Europe”, Vortrag von Maximilian Kuhn (Forschungsstelle für Umweltpolitik).

“Spiegel”-Artikel über “Gasland”.

“Spiegel”Artikel über unkonventionelle Gasförderung.

One Response to 27. November 2010: Film “Gasland” und Diskussion mit Benjamin Scholz (deutsch)

  1. Wir kämpfen gerade gegen Exxon. Es geht um den Abbau von CBM im Münsterland. Könnten Sie herrn Scholz meine Kontaktdaten vermitteln.
    MFG
    Mathias Elshoff

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